Freitag, Freutag. Jupp, könnte man denken. Aber wir gehen heute mal auf einen kleinen Exkurs, der zwar mit unserem Thema Gin, Drinks und Barkultur zu tun hat, welcher aber auch etwas bitter ist.

Vor kurzem wurde der Münchner Charles Schumann mit dem Award Industry Icon Award 2019 von World’s 50 Best Bars ausgezeichnet. Das ist erst einmal eine tolle Sache so ein Award. Was dann nicht so toll ist, ist was sich im Folgenden abspielte: Drama und Schmutzwerfen.

Der perfekte Sturm im Shaker

Eine Sache vorab: Ich versuche mich heute in einer sehr gefährlichen Sache. Weder ist mir persönlich noch einer der anderen Akteure in diesem Spiel bekannt. Ich kann mich nur auf Dinge stützen, die ich mit einer Netzrecherche im Rahmen meiner zeitlichen Möglichkeiten anstellen konnte. Auch wenn ich Journalisten in einigen Bereichen unterrichten durfte, so bin ich doch keiner. Man mag mir das nachsehen, ich stehe mehr als dankbar für Hinweise und einen erwachsenen Diskurs zur Verfügung: cheers@gingingin.de ist der Ort für Hinweise.

Worum geht es?

In meinen täglichen Streifzügen durch Instagram tauchen in Stories Posts auf, die sich empören wie man einen Mann wie Charles Schumann denn mit einem Award auszeichnen könne? Einen Dinosaurier mit noch veralteteren Ansichten. Das ginge gar nicht.

„Wow! Was geht denn da ab“, dachte ich. Also frage ich nach bei zwei Personen. „Was ist denn da los? Hast Du mal die Quellen?“ Erste Antwort: „Öhm, also nicht wirklich. Ich habe das ja von X übernommen.“ … Spannend. Da haut man eine richtig dicke fette Aussage mit sehr schweren impliziten und expliziten Anschuldigungen raus und kennt nicht mal die Quelle oder die Details. Also weiter zu X. „Ist doch bekannt!“ – „Mir nicht. Wo kann ich das rausfinden? Ist bekannt reicht mir nicht und ist kein Beleg.“ – „Schau halt mal in dem Film.“ Also Film schauen. Ein Film in dem Charles Schumann über mehrere Jahre hinweg begleitet wurde und Barlegenden rund um den Globus besucht, die ihres Zeichens dann wieder darüber sprechen wie Schumanns Cocktail-Bücher sie beeinflusst haben.

So, nun sind die Anschuldigungen folgende: Herr Schumann soll also Frauen nur zur Lunchzeit in seiner Bar haben wollen. Keine Frauen nach 3 Uhr hinter der Bar. Gemeint ist in dem Kontext zu 99% 15 Uhr. Er sei ein sexistischer, böswollender Dinosaurier. Grundlage sind ein paar Kommentare und Aussagen, die er in der Vergangenheit gemacht hat. Zum einen ist da der Film „Schumanns Bargespräche“ (Website zum Film, Amazon Video) und auch ein Interview in einer japanischen Publikation.

Film als Beweis, der keiner ist?

In dem Filmabschnitt (Beginn 34:50, als Abschnitt auch bei mixology.eu zu sehen) sitzt Schumann mit Julie Reiner, einer Barlegende in New York, zusammen und das Thema kommt auf Frauen, die in Bars arbeiten. Nach dem Vorspiel in den sozialen Medien machte ich mich gefasst auf einen Clip, der es in sich hat und der sich heute so falsch anfühlt wie Krimis aus den 60ern, wo man vor lauter Rauch in den Bildern kaum noch die Schauspieler sieht. Buckle up Jan!

Mal eben die Fakten beugen

Jeden Teil werde ich hier nicht wiedergeben, das Video steht ja bereit, aber was ich spannend finde ist hier schon ein Delta zu haben zwischen dem Empörungs-Hashtag womenbehindthebarafter3 und dem Dialog. Dort ist die Uhrzeit schon mal 21–22 Uhr. Interessant wie Dinge langsam/schnell mutieren können. Sieben Stunden und schon ist die Aussage ganz anders. Vor Gericht möchte ich den Prozess sehen, in dem einem Angeklagten ein Vergehen vorgeworfen wird, weil er sieben Stunden vor oder nach einer Tat am Tatort war. Das wird wohl kaum funktionieren.

Wenn man den Film ansieht stellt man(n) sich auch die Frage, ob hier wirklich das Gespräch geführt wurde, um das es geht. Mir kam es fast vor als wenn hier von Julie Reiner eine Agenda verfolgt wurde. Im oben verlinkten Mixology Artikel wird da auch auf Punkte hingewiesen, die dies nicht ganz ausschließen lassen. Aber das ist schon wieder zitieren von Zitaten. Ich habe den Filmabschnitt per se noch nicht so krass empfunden wie er gemacht wird, teils sogar ohne dass Leute diesen gesehen haben wie ich bei meinen weiteren Nachfragen feststellen konnte.

Kurz: Im Clip finde ich sogar einen Schumann zu sehen, der alles andere ist als nicht offen. Er schlägt sogar vor, dass die TV-Show „auf der Suche nach meinem Nachfolger“ in „Nachfolgerin“ geändert werden könnte und sollte. Aber entscheiden sie selbst. Weiterhin sagt Schumann, dass er die Frauen, die in seiner Bar arbeiten sehr schätzt.

Alte Zitate kommen wieder – Das Netz vergisst nicht

Wie oben schon erwähnt, wurde der Shitstorm, der nun von einer Reihe Bartendern und vielen Re-Posterinnen/Re-Postern gestartet wurde, zu einem Ding, das auch noch durch einen zehn Jahre vorher veröffentlichten Artikel mit einem damals schon zehn Jahre älterem Zitat aus dem Playboy arbeitete:

A bar is no place for a woman. The important characters are always men.

Charles Schumann, ca. 1999

Heute würde man das Clickbait nennen. Die an mehreren Stellen zitierte Ironie, die Schumann eigen sein soll ist auch in diesem Artikel zu erkennen. Gutes Futter für den Shitstorm. Klingt alles nicht ganz lupenrein was da vor 20+ Jahren gesagt wurde, aber darauf würde ich auch keine solche Kampagne aufbauen bzw. es wagen damit hausieren zu gehen. Aber lesen Sie selber im Artikel, um sich ein Bild zu machen. Ich habe versucht die Quellen unterzubringen wo es geht.

Was bleibt nach dem Sturm?

Der Sturm ist sicherlich noch nicht vorbei. Viele auch bekannte Personen posten ganz im #metoo-Style über Frauen in und hinter den Bars. Das ist gut so in meinen Augen. Aber ob auf diesem Fundament? Das finde ich persönlich schwierig, denn es scheint nicht gerade die beste Basis an Fakten zu sein.

In keinster Art und Weise kann und will ich mir ein Urteil erlauben, denn weder kenne ich alle Fakten und die Agenden, die Hauptspieler in diesem Wirbel sind mir persönlich auch nicht bekannt. Ich sehe nur eine Sache, die mich schon mitnimmt: Mangelnde Reflektion von Dingen.

Wutbürger und Shitstormer: Bring it on

Da wird in den Nachrichten darüber diskutiert, ob Wahlen beeinflusst werden können via Twitter und Co. Immer wieder hören wir doch, dass mal wieder ein Botnetz mit darauf liegenden Accounts ausgesperrt wurde in Social Network X oder Y, weil diese mit massenhaften Tweets und Posts Einfluss zu nehmen versucht haben. Im selben Moment verbreitet der Präsident eines sehr großen Staates via Twitter ebenfalls seine Wahrheit in eher unreflektierter Art und Weise, mehrfach schon als wohl die Nutzungsrichtlinien brechend angemahnt. Beides extrem unschön.

Gut wenn sich gegen solche Manipulationsversuche gewehrt wird. Wahrscheinlich Tropfen auf den heißen Stein. Weil es so viele Bots gibt? Ja, aber nicht nur. Wir alle laufen ständig Gefahr uns unglaublich aufzuregen. Das Beispiel beschreibt Thomas Hohlfeld in seinem Text Paradoxon Kunde sehr gut. Kaum passiert etwas, warten wir nur wie eine Meute von Bluthunden darauf losgelassen zu werden. Und Manometer haben wir eine Meinung. Der eine twittert sich die Daumen blutig, der nächste telefoniert mit Inbrunst und Empörung, wieder einer … naja, ich muss hier nicht alles wiederholen.

Durchatmen, reflektieren, nachdenken

Natürlich sind WIR alle nicht diejenigen, die oben beschrieben sind … aber vielleicht wäre es mal gut sich – also die ANDEREN meine ich. Achtung Ironie – an der einen oder anderen Stelle kurz zu fragen was für Tools und Plattformen wir eigentlich nutzen und füttern. Ist unser Post über DHL und die Probleme wirklich notwendig? Oder geht es uns um ordentlich Likes und Wutabbau? Der kleine Dopaminrausch ist ja schon nett wenn die Likes und Herzchen eintrudeln. Also das sagt mir der Freund von einem Freund. 😉

Nun hat Herr Schumann den Preis zurückgegeben, sich entschuldigt für Dinge, die er falsch gesagt haben soll, aber er bittet berechtigterweise um einen offenen Dialog: Das beinhaltet Kommunikation in beide Richtungen, also nicht nur eine Empörung zu senden.

Ich bitte diese hiermit in aller Form um Entschuldigung.
Aber ich bitte um einen offenen Dialog, damit diese Fehldeutungen aus der Welt geschaffen werden können. Ich fühle mich den universellen Werten von Gleichheit und Teilhabe verpflichtet. Sie sind auch Grundlage meiner Arbeit in der Gastronomie seit über 55 Jahren.

Charles Schumann, auf Facebook

Die Moral von der Geschichte

Warum das nun im Casual Friday? Es wird nicht das letzte mal sein, dass ich hier abweiche vom einfach nur einen Drink, oder ein Produkt vorzustellen. Casual bedeutet eben auch nicht ohne Grenzen, nicht ohne Rahmen, nicht Freiwild-artig oder Outlaw-Style. Eine aufgehobene Krawattenpflicht, oder ein blaues statt einem weissen Hemd mag die eine Art sein das zu interpretieren, ein lockerer Umgang mit Themen auch. Das was man hier mal wieder beobachten kann, in der Causa Schumann, scheint mir bei den Dingen, die ich gelesen habe etwas anderes zu sein. Ein zu wenig reflektierter Umgang mit dem was ein sinnloses Weiterposten bewirken kann. Im Guten wie im Schlechten.

Frauen hinter die Bar? Meinetwegen sehr gerne. Nee, Moment: Hell yes! Meine Güte habe ich schon Frauen hinter der Bar kennen gelernt. Feinste Arbeit, Top-Geschmack, gute Gastgeberinnen. So auch Männer selber Kategorie und Levels. In einer Männerdomäne ist der Kampf dafür wichtig, dass auch hier Gleichberechtigung ermöglicht wird. Gut so, weiter so!

Nicht weiter so: Dinge verbreiten, die man sich nicht einmal angesehen hat, die man nicht einmal wirklich kennt. Das ist vielleicht sogar schlimmer als die Vorwürfe die manchmal entstehen. Ein Satz, der mir vielleicht auch in 10 Jahren aus dem Zusammenhang gerissen im Munde gedreht wird. Aber dann können Sie auf diesen Artikel verweisen und sagen: „Hat er doch ganz anders gesagt und gemeint.“

Wir sollten die Diskussion um Frauen und Ihre Aufgaben, Chancen, Möglichkeiten, Probleme und Erfahrungen in der Bar- und Hospitality-Industrie führen. Dringend! Sollte dieser Tumult das begonnen haben? Gut. War der Anlass richtig? Nicht in der Art, glaube ich. Ich bin aber keine Frau, habe also nur bedingt das Recht zu urteilen.

Nehmen Sie sich die Zeit und klicken ein paar der Links an und lesen sie dort auch weiter. So bekommt man ein besseres Bild. Gerne nehme ich hier auch noch Links auf. Ich freue mich auch über Feedback und Meinungen.

Ein besonnenes Wochenende, cheers und Ginsalabim auf alle Bartenderinnen und Bartender, die uns Ihre Kunstfertigkeit erleben lassen,

Jan von GinGinGin

Jan Persiel
Jan Persiel

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