Reisen bildet

So langsam füllen sich die deutschen Schreibtische wieder und überall werden Urlaubserlebnisse ausgetauscht. Immer wieder wird erzählt wie gastfreundlich und herzlich die Menschen vor Ort waren. Meist erzählt man ja das, was man als ganz anders empfunden hat, als Zuhause. Merkwürdig, dass es uns nicht gelingt, dies auch mit aus dem Urlaub zu bringen und in die deutsche Kultur miteinfließen zu lassen. Wir sind die Tage für einen Kunden zu einem wichtigen Geschäftspartner nach Bologna gereist und auch wir haben wieder erlebt, wie unterschiedlich Geschäftspartner in anderen Ländern sind.  

Nicht nur, dass es sich der Partner vor Ort nicht nehmen hat lassen uns vom Flughafen abzuholen, so hat uns diese Firma nach den ersten Agendapunkten auch zum Mittagessen eingeladen. Dies zog sich über knapp zwei Stunden hin und ganz nebenbei wurde dort auch ein großer Teil der restlichen Agenda besprochen. Ein Protokoll wurde im „ping-pong“ Verfahren abgestimmt, aber mit einem so positiven Gefühl, dass sich beide Seiten weitere Gespräche vorstellen können und sich für diesen Abschluss ins Zeug legen werden. 

Nun kommt es in wenigen Wochen zum Gegenbesuch. Was tun? 

Wie steht es um die deutsche Meeting- und Mittagessenkultur in Deutschland? Käsebrötchen um 10 Uhr in den Raum geschoben, damit sie am Mittag leicht wellig noch gegessen werden? Kaffee in Thermoskannen, der nach zwei Stunden lauwarm ist, aber erst nach vier Stunden erneuert wird? Eine minutiös geplante Agenda, die es schwer macht, kreativ die Themen ineinander übergehen zu lassen? Einen hochrangingen Manager finden, der es als einen Akt der Höflichkeit empfindet, seinen Besuch am Flughafen abzuholen? 

Lieblos, effizient und antragskonform ist die Regel in deutschen Meetings! Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir uns ohne großes Wehklagen den – von Menschenhand in Unternehmen gemachten – Prozessen unterwerfen, anstatt Meetings mit einer gewissen Flexibilität und mit dem Fokus auf den gegenüber auszurichten. Obwohl unsere Reisen in andere Länder, ob privat oder dienstlich, uns immer wieder zeigen, es geht auch irgendwie anders.  

Zurück zum Gegenbesuch: Wir sind keine Italiener, klar, aber wir sind schon soweit, dass es intensive Diskussionen gab, was eigentlich deutsche Gastfreundschaft um die Mittagszeit bedeutet. Das mit dem persönlichen abholen am Flughafen ist in Unternehmen wohl kaum zu machen, da ist es einfacher einen Shuttle-Service zu buchen. Guter heißer Kaffee wird wohl zu schaffen sein, ggf. sogar aus neuen Thermoskannen. Das größte Problem ist das Mittagessen: Gemütliche Atmosphäre, in der man vertrauliche Gespräche führen kann, kultiviert aber nicht zu extravagant, das Essen kommt ohne Eile, spiegelt die deutsche Küche wider ohne, dass man ins „Currywurst-Pommes-Loch“ fällt. Kurz um, eine schöne, authentische Atmosphäre schaffen, in der die Gespräche weitergeführt werden können, ohne zu dick aufzutragen. Ach, nen Italiener fällt für die Italiener aus, sie waren so höflich zu betonen wie gerne sie deutsch essen.  

Fehlt uns die Freiheit?

Keine ganz einfache Aufgabe und vielleicht ist es das, was uns manchmal fehlt, wenn wir von unseren Reisen zurückkommen: Die Freiheit, nicht alles normiert in unsere Prozesse und Routinen packen zu müssen, sondern einfach mal einem Gesprächs- und Diskussionsfaden zu folgen und sich nicht von der Agenda und der vorgegebenen Atmosphäre beengen zu lassen. Vielleicht kommt auch was Vernünftiges dabei raus. Unser Kunde fand den Termin in Bologna nebenbei großartig und glaubt, dass es echt was werden kann.  

Willkommen zurück! 

Thomas Hohlfeld
Thomas Hohlfeld

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