Im Auge des Hurrikans – Ruhe vor dem Sturm

In der ersten Jahreshälfte war ich Zeitzeuge des sagenumwobenen schwedischen Corona-Sonderwegs. Während in Europa Lockdowns beschlossen und Grenzen geschlossen wurden, war der einzige Grund, weshalb ich in Selbstisolation im Home-Office saß, dass mich die Masterthesis an den Schreibtisch gefesselt hatte. Die trügerische Sicherheit, die einem vermittelt wird, wenn man die Auswirkungen einer Pandemie nur aus den Medien und von Familie und Freunden aufs Smartphone bekommt, aber im Alltag weder Masken noch Desinfektionsmittelspender sieht, bekommt Risse, wenn sich die persönliche Betroffenheit anderweitig einstellt. Und damit meine ich nicht, dass trotz keinerlei verbindlicher Einschränkungen, auch in Schweden Toilettenpapier, Nudeln und – zu allem Unglück – auch noch Köttbullar gehamstert wurden. Nein, Corona-Betroffenheit aus Sicht eines im Endspurt befindlichen Masteranten sieht neben allgemeinem Weltschmerz und Sorge um die Liebsten so aus, dass man denkt, dass eine weltweite Wirtschaftskrise nach einer Dekade durchgängigen Booms irgendwie nicht das ideale Timing zu sein scheint, sich aus der Deckung des akademischen Elfenbeinturms zu wagen und sich dem Arbeitsmarkt zu stellen. Auch wenn sich Zukunftssorgen über einer schwedischen Zimtschnecke im Café mit Freunden besser einordnen lassen, als vorm Laptopbildschirm mit Bananenbrot, so waren sie doch real. Doch wie häufig, galt auch hier:

Wer sich Herausforderungen stellt und nicht vor ihnen wegläuft, wird mit Veränderung belohnt.

Für mich war diese Veränderung in der zweiten Jahreshälfte der Umzug in die Hauptstadt und der Berufseinstieg in die politische Interessenvertretung der von der Pandemie am härtesten betroffenen Branche, der Tourismuswirtschaft. Nach Monaten auf dem schwedischen Sonderweg, waren Corona und seine Folgen nun ganz nah. Auch wenn mit meinem Umzug aus dem Norden das Virus von heute auf morgen erlebbar Einzug in mein berufliches und privates Leben gehalten hat, so ist die Anerkennung der Realität, der Hingabe einer Fiktion zu bevorzugen. Vor allem, weil – wie in Schweden gesehen – einen die Wirklichkeit eh immer einholt. Was ich daraus für 2021 mitnehme ist, dass es im Auge des Hurrikans manchmal besser ist, als in der Ruhe vor dem Sturm.

Christian Hohlfeld

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