Der Titel sagt schon alles: Eine Frage, keine Aussage. Aber dennoch etwas, was ich hier im Casual Friday ansprechen mag: Sind wir zu casual? Und was hat Alkohol damit zu tun? Oder geht es um viel mehr?

Status Quo und Corner-People

Am Wochenende sind hier in Hamburg und auch anderenorts aufgrund von unglaublichen Menschenansammlungen in den letzten Wochen die Ausser-Haus-Verkäufe von Alkohol verboten und unterbunden worden.

Das Ziel war klar, weniger Leute auf den einschlägigen Partymeilen zu haben, die sich nicht mehr ansatzweise an Abstandsregeln halten. Also alle rein in die Locations oder zu hause bleiben oder entzerren. Kein Cornern mehr (so nennt man das hier in Hamburg wenn man sein Kiosk-Bier im Freien trinkt).

Diskurs mit der Politik

Nun höre ich am Wochenende Interviews mit Stellvertretern der Barszene in Hamburg und Berlin, die eine Sache beklagen: Das Problem ist nicht neu, aber man reagiert nicht auf unsere Vorschläge zur Verbesserung der Lage. Senat (HH) und Senat (B) seien eher mal mit Schweigen bei der Sache. Nicht neu sagen sie. Das Thema Schulstart Hamburg ist ja nicht viel anders. Erst mal abwarten … Schade, gerade jetzt wo jeder Tag zählt (auch wenn das schon seit Monaten so ist) sollte man doch froh sein über einen Austausch mit Vorschlägen und Ideen.

Mit Farbe gegen Abstandsprobleme

So höre ich von öffentlichen Flächen, bei denen Kreise auf den Boden gemalt wurden, um zu zeigen wie man mit Abstand stehen kann und wo man sich bewegen kann. Sehr einfach. Sehr effektiv. Im Supermarkt funktioniert das meistens auch noch. Leider täglich weniger wie es scheint. Warum also nicht solche Maßnahmen? An der Farbe und dem Preis dafür wird es wohl kaum liegen. Manchmal hilft so eine einfache Erinnerung schon. Wir kennen das aus Untersuchungen und Studien: Alleine ein paar aufgeklebte Augen führen dazu, dass Leute in Teeküchen Dinge sauberer hinterlassen, weniger gestohlen wird etc. Bei den Kreisen ist ein gemeinsam im Kreis stehen dann sichtbar, man muss schon aktiv wegschauen, um es nicht zu sehen. Hilft nachgewiesenermaßen.

Sozialwunsch vs. Distancing

In der letzten Woche hatte ich ein paar Gespräche zum Thema sozialer Austausch und Abstandswahrung. Anlass war unter anderem ein Witz:

Die Norddeutschen freuen sich über die Zeit nach Corona, sind dann doch endlich wieder 4m Abstand statt 1,5m die Norm!

unbekannter Scherz-Autor

Da bin ich voll dabei. Mir ist es oft zu eng. Hier ein Bussi, da ein Umarmen. Leute, die ich das erste mal treffe, will ich nicht so behandeln wie beste Freunde. Aber das nur, um mich als Autor dieses Textes auf der Nähelandkarte zu positionieren.

Der Wunsch sich zu sehen und zu treffen ist da. Bei jedem, irgendwie. Wir müssen mal raus, nicht nur, weil man in seiner Wohnung nun jede Ecke kennt und evtl. nichts mehr zu renovieren und aufzuräumen hat. Der Austausch ist wichtig. Es gibt Tausende Studien, die zeigen, dass Menschen soziale Wesen sind, die krank werden und verkümmern ohne Kontakte und Austausch. Also muss es eine Option dafür geben. Und je nach Typ reicht da mehr oder weniger Kontakt und Austausch.

Waren wir zu gut im Lock-Down?

Nun lese ich und beobachte ich aber neben „zweiter Welle“ auch Sätze wie „jetzt (!), nach Corona“. Und da ist vielleicht das Problem: Wir waren wohl zu gut. In Deutschland sind die Zahlen relativ gering geblieben. Viele haben keine Opfer im Bekanntenkreis. Das ganze wird zu einer Statistik, zu Dashboards mit Kurven. Schon seit Wochen sind keine Menschen mehr auf den Balkonen und klatschen. Wir waren die letzten in unserer Straße, die zum Schluß belächelt wurden. Naja, gut. Dann nicht mehr. War ja ohnehin streitbar von der Sache her. Aber eine Geste und ein Erinnern. Mal sehen wann wir wieder stehen und klatschen. Heute sind seit Mai erstmalig wieder über 1.000 Neuinfektionen in Deutschland gemeldet worden …

„Alles halb so schlimm mit der Ausbreitung…“

Also war ja alles nicht so schlimm, oder?! Man ist wieder unterwegs, es geht ja mit Maske. Der Mensch gewöhnt sich daran. Muss man auch, denn sonst wird man verrückt sagen viele. Leider ist unser Hirn auch sehr gut darin Dinge zu verdrängen und mit Alkohol ist das –Bogen zum Eingang ist gespannt– leider noch einmal anders gelagert. Hier ist die gelockerte Haltung nach Alkoholkonsum leider eine Pro-Virus-Verteilungsoptimierung. Und wenn erst einmal die ersten Abstände nicht eingehalten werden ist es ja ohnehin zu spät denken viele. „Jetzt kann ich auch nichts mehr machen …?!“

Eine andere Sache ist das junge menschliche Hirn: In der Pubertät entwickelt sich viel, alles wird umgeworfen, aber noch Jahre lang passieren Dinge. Das Ende des Stimmbruchs ist nicht das Ende dieser Entwicklung. Das letzte Ding, welches nachgezogen wird ist ein Teil des Gehirns, wie ich unlängst lesen konnte, der mit Konsequenzen und Verantwortung zu tun hat. Dieser Teil ist bei jungen Leuten nach der Pubertät über Jahre noch „fast ausgeschaltet“ und reift nach waren ungefähr die Worte. Erklärt einiges, muss also nicht auf die Generation geschoben werden, aber umso mehr eingeplant werden.

Wenn heute zwar in den Hamburger Schulen Maskenpflicht besteht, auf dem Schulgelände und in der Bahn, so verwundert es einerseits und andererseits auch nicht (s.o.) wenn sich die „Kids“ mit locker in der Hand baumelnden Masken nach den Ferien wieder in den Armen liegen: „hey, ewig nicht gesehen Digger!“. Vor dem Schulhof. Also alles okay … not.

Mit gutem Beispiel voraus

Schwenk: Während in vielen Firmen lobenswerterweise weiterhin klare und durchdachte Konzepte zu Hygiene und Entzerrung der räumlichen Dichte im Einsatz sind, ja sogar zum „neuen Normal“ definiert wurden, ist anderenorts fast alles vergessen. BYOD (= Bring your own Desinfektionsmittel) ist das Maximum. Absolut falsch in meinen Augen. Ich wage mich weiter raus: Grob fahrlässig. Hier kommen die gleichen Resultate heraus, die auf dem Hamburger Schulterblatt beim Cornern entstehen: Neuinfektionen. Werden Büros ohne solche Konzepte geschlossen? Noch nicht, zumindest nicht von öffentlicher Stelle meines Wissens. Ist es deshalb okay? Wohl kaum.

Die Zeit wird knapp

Wir sind im August, noch ca. 20 Wochen bis Weihnachten. Das ist nicht lang. Wir wissen ja wann die Lebkuchen uns in Shops begrüßen. Aber wenn die da sind ist die Zeit für so manche Maßnahme höchste Eisenbahn. Ab wieviel Grad sind denn das letzte mal die Diskussionen um Lüften oder Frieren geführt worden? „Erstunken ist noch keiner, aber erfroren!“ könnte in diesem Jahr eine neue Ausrichtung bekommen, andersherum. Wann sind wir wieder soweit mit den Lüftungsstreits? in 4 Wochen? In 6? Wie wollen wir dann ohne Plan weitermachen? Heute sind 30+ Grad in der ganzen Republik, noch ist es nicht soweit.

Die Einschläge kommen näher

Im Deutschlandfunk hörte ich vor ein paar Tagen bei DLF Nova, dass die Coronatest-Trefferquote (in NRW) beim Ausstieg aus Flugzeugen bei ca. 2,5% liegt. 40–50% nehmen diese wohl war. Also eine von 40 Personen. Wow, was für eine unglaublich hohe Trefferquote.

Die Ferien sind noch im vollen Gange. Menschen reisen noch, wir werden weiter Verteiler sein. Ein Blick in die Runde im Büro: zehn Leute. Sagen wir mal im Schnitt hatten die in den letzten 14 Tagen Kontakt mit 20 Leuten. 200 Kontakte. Bei der Quote von 2,5 % wären das fünf Infizierte, mit denen man schon nur aus dem Kreis potentiell Kontakt haben könnte. Statistisch totaler Murks, ich weiss. Hier mische ich Zahlen und ignoriere Dopplungen. Auch ist nicht Quarantäne eingerechnet. Darum geht es mir auch nicht, ich will nur auf eine Sache aufmerksam machen:

Wir können nicht einerseits sagen, dass Kioske kein Bier mehr verkaufen dürfen, weil zu viel Leute zusammenstehen und andererseits an anderen Stellen sorglos und ohne Maßnahmen leben, agieren, arbeiten. Am besten dann noch dort über die Cornernleute aufregen an der Kaffeemaschine.

Bei meiner Frau im Unternehmen sitzt niemand an einem Tisch ohne Maske und Fenster geöffnet. Man Videokonferiert auch innerhalb des Büros. Meeting? Auf dem Balkon oder mit kurzen(!) Lüftungszyklen. Toiletten (nach Nutzung) und Tische (nach Meeting / Tagesende) werden regelmäßig desinfiziert. Überall sind Spender mit Handdesinfektionsmittel angebracht. Maximale Personenzahl im Büro. Kundenbesuche finden nur per Video statt. Top! Da ist alles gemacht, was man nach dem aktuellen Stand der Dinge tun kann. Klare Ansagen, jeden Montag wieder an alle. Kein langsames Ausfaden.

Wo Licht ist, und wo Schatten …

Leider ist das nicht überall so. Der Supermarkt, den ich ab und an besuchen muss, wo der Inhaber wohl am Wochenende in Berlin mitdemonstriert hat gegen die „Lügen der Regierung“ und die Freiheitsberaubung, wo man vergeblich nach solch einem Handdesinfektionsmittel sucht, das Büro wo man ohne Regeln arbeitet, die Baustelle, wo man gemeinsam ohne Vorsicht und Maske zusammen Fliesen legt, … endlose Beispiele. Ich hoffe es werden nicht immer mehr. Für alle.

Drohung zweite Welle aus Wirtschaftssicht

Spannend ist auch die Art wie diskutiert wird, ob es eine zweite Welle gibt, ob sie schon da ist. Vor allen Dingen sehen wir dann die Liste der wirtschaftlichen Folgen eines neuen Lock-Downs. Wie sind die Kosten und Folgen wenn wir viele Menschen verlieren, wenn wir mit vielen lebenslang gesundheitlich angeschlagenen Menschen eine Wirtschaft belasten? Das können wir im Moment eher selten hören. Viele regen sich über den US-Präsidenten auf, wie uneinsichtig und dumm er sei. Wie er es verpennt habe zu reagieren. +1 von mir. Aber sind wir viel anders wenn wir uns nicht bremsen, wenn wir nachgeben und die Zügel schleifen lassen wie es so schön heisst? Nicht so sehr, zumindest nicht im Ergebnis. Nein, wir sind nicht Trump, aber oft auch nicht die Unschuldsengel.

Was kostet Gesundheit

Zum Anfang zurück: Die Politik reagiert auch nur auf Statusmeldungen, eventuell Empfehlungen von Experten, muss abwägen, hat auch nicht alle Antworten. Alkoholverkauf stoppen mag ja ein Weg sein, aber können wir nicht auch/lieber andere Wege finden? Schon früher ansetzen? Weiter aufklären, im Zweifel lieber etwas vorsichtiger sein? Wie werden wir wirklich in unserer Freiheit beschnitten? Können wir nicht Wege finden wo wir sozial interagieren können und dennoch verantwortungsbewußt sind? Wo kann dieser Raum besser stattfinden? Er wird auf alle Fälle enger werden wenn die Außenflächen bald zu kalt werden. Oder wir brauchen dickere Jacken.

Ein Aufruf – eine Bitte

In meiner Rolle als der lustige Spirituosen-Reporter habe ich keine Autorität etwas anzuordnen, bin sicherlich auch nur eine Meinung, kann mir nur etwas wünschen. Aber ich habe diese Reichweite hier. Und mit dieser möchte ich jeden Einzelnen an dieser Stelle um etwas bitten:

Schaut euch um! Funktioniert das so? Wie ist es im Herbst? Wollen wir Eltern, Freunde, uns wichtige Personen gefährden? Wen möchten wir nicht missen? Und wenn wir nun genau daran Morgen „schuld sind“, weil wir uns einfach nicht gekümmert haben?

Bitte legt eine gute Portion CASUAL ab.

Aus CASUAL werden schnell CASUALTIES.

Viele. Das ist das, was so schwer zu verstehen ist mit den Logarithmen.

Bleibt gesund, cheers und Ginsalabim! Danke!
Jan von GinGinGin.de

Jan Persiel
Jan Persiel

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