Freitag. #TGIF. Endlich Wochenende. Donnerstag noch After-Work-Party, jetzt kann man endlich „Gas geben“. Oder um es mit den Worten von Technotronic zu sagen: „No, no, no no no, no, no, … there’s no limit!“. Gut, wenn einen da nichts und niemand mehr bremsen kann und muss. – Wirklich?

Genuss vs. Alkoholfluss

Keine Sorge, weder ist dies der Anfang eines Moralstücks, noch wird es eine Vorlage für Freibriefe. Die meisten Menschen und Leser dieser Zeilen haben vermutlich schon Alkohol getrunken, wenig, ausreichend, auch mal zu viel. Hoffentlich nicht zu viele, die mit regelmäßigen Ausfällen des Erinnerungsvermögens zu kämpfen haben. Die meisten Leute haben ein Gefühl für das, was gesellschaftlich, sozial verträglich und mitunter auch gesundheitlich maßvoller Alkoholgenuß ist.

Die Frage nach der Menge an Alkohol, die man zu sich nehmen sollte, hat auch mit dem Thema Genuß zu tun. Genießen hat etwas mit Muße zu tun. Schmecken, Riechen, Beobachten. Das kann man nicht in schneller Schlagzahl. Mitunter ist es in meinen Augen eine Sünde, wenn man ein Produkt, das Wochen, Monate, Jahre oder womöglich Jahrzente (hier machen wir mal Schluß, auch wenn mehr möglich ist) gereift ist, in ein paar Sekunden „wegzuhaut“. Warum sollte ich mir einen Whisky oder einen Gin aus einer Fasslagerung für relativ viel Geld gönnen und dann nicht darauf achten, was die Zeit gezaubert hat? Bestimmt ist dies Thema hier nicht das letzte mal angerissen worden.

Barleben mit Blick über die Stadt

Zurück zum eigentlichen Thema. Am Freitag hatte ich das Vergnügen, den Tag mit Kunden in einer Bar ausklingen zu lassen. Eine logistische Entscheidung, es war die Hotelbar der Kunden und nur 10 Minuten Fußweg vom Restaurant, in dem wir gespeist hatten.

So fuhren wir in den obersten Stock des Hotels irgendwo an Elbe und Hafen. Ein schöner Ausklang mit tollem Blick. Aus dem Fahrstuhl tretend kamen uns die ersten sehr stark alkoholisierten Personen entgegen, die nicht absichtlich („tschulllijung“) mit uns Tuchfühlung aufnahmen. Den Jungs ging es nur noch bedingt gut, das sah man ziemlich deutlich.

Wir suchten uns einen Tisch und bestellten einen Drink. Die Preise waren dem Ausblick entsprechend, aber das war uns egal, weil der Abend wirklich einen schönen Abschluß verdiente. Die Drinks kamen und waren nicht wirklich überwältigend, aber auch das war egal. Zwei Stunden saßen wir und über die gesamte Zeit konnte ich das Treiben in der Bar beobachten: Selfies for Panoramafenstern und Drinks, Drinks, Drinks. Es gab einige Besucher, die reichlich hatten, sich nur noch durch Festhalten am Tisch aufrecht hielten. Manche lehnten an den Scheiben oder an anderen Gästen. Definitiv genug, keine glüclichen Gesichter mehr. Man sah die Anstrengung und den Kampf.

Ein Drink geht noch, immer.

Passiert. Gute Laune, ein oder zwei Drinks zu viel, kann jedem passieren … die Symptome waren mehr als offensichtlich. Aber dann beobachtete ich etwas, was ich nicht das erste mal in dieser Bar beobachten konnte, leider: Diese besagten Personen wurden teils aktiv gefragt, ob sie noch etwas trinken möchten („Noch so eine Runde?“). Beim ersten Besuch dieser Bar vor ein paar Jahren war es genau so abgelaufen. Ein junger Kerl Mitte 20 ließ sich von seinem Kumpel stützen und orderte auf dem Weg zum WC noch einen G&T. Dieser wurde prompt nach nicht so prompter Wiederkehr serviert. Es scheint System zu haben.

Besagter junger Mann verschüttete damals seinen G&T , weil er ihn gar nicht mehr richtig halten konnte. Deutlichere Zeichen braucht es wohl kaum. 15 EUR auf dem Boden – und in der Kasse. Und auch dieses Mal waren mindestens drei Leute, die eindeutig hätten geschützt werden müssen. Getan hat das niemand.

Schweden: Der Barkeeper ist haftbar

Wie mir Thomas Hohlfeld berichtete, entscheiden in Schweden die Barkeeper, ab wann ein Gast nichts mehr bekommt. Der Grund ist ganz einfach: Dort sind Barkeeper haftbar und tragen die Verantwortung für Ihre Gäste. Passiert einem Gast etwas aufgrund zu hohen Alkoholkonsumes, ist der Gastronom/Bareeper dafür als „Alkoholausgebende Instanz“ verantwortlich. Wer protestiert bekommt vom Barpersonal die kalte Schulter: „Meine Verantwortung, meine Entscheidung.“

Respekt gegenüber dem Gast

Viele der Gäste in der Bar sind sicherlich nicht wiederkehrend. Eine Bar, die vor allen Dingen von Touristen genutzt wird (Hotelgast-Prio bei Reservierungen soweit ich weiss). Bedeutet das, dass man dann mit Menschen so umgehen sollte? Maximale Umsatzmitnahme? Um jeden Preis, womöglich auf Kosten der Gesundheit der Gäste? Ob nun das Service-Personal in besagter Hamburger Bar diese Entscheidungen leichtfertig trifft, oder ob es von der Geschäftsleitung vorgegeben wird, ist mir nicht bekannt.

Persönlich finde ich das, was sich mir nun zum wiederholten Mal dargeboten hat, eine Katastrophe. Eine alles andere als vorbildhafte Art, seine Gäste zu behandeln. Hier geht es nicht um Cocktailkunst, nicht um Genuß, nicht um den passenden Drink zum atemberaubenden Ausblick. Hier hat man das Gefühl, dass jenseits von Bon und Trinkgeld alles egal ist.

Nun fordere ich keine Regelung wie in Schweden, wobei ich die nicht unbedingt als schlecht erachte. Aber ein gewisses Maß an Verantwortungsbewusstsein sollte ein Establisment mit einer solchen Lage, schlußendlich auch ein Repräsentant der Stadt, an den Tag legen. Ist das das Bild, dass von Hamburg vermittelt werden soll? Sehr eindrucksvoll alles, aber ziemliche Abzocker. Nicht unbedingt mein Eindruck der Stadt, die ich seit 1994 mein Zuhause nenne. Im Gegenteil: Eher kenne ich da die Haltung: Das haben wir nicht nötig.

Im Übrigen ist das ganze Thema und die Geschäftsgebaren umso schwerwiegender, da hier auch noch eine skurrile Doppelmoral zu beobachten ist. Achtet man einerseits so gar nicht auf das Wohlbehalten der Gäste, so ist man an der Tür umso pingeliger in Sachen Garderobe. Ein dunkelblauer, unbedruckter Markenkapuzenhoodie ist entweder auszuziehen (das bedruckte T-Shirt darunter ist okay), oder aber man bekommt keinen Zugang. Na gut, dass da die Prioritäten schon einmal stimmen.

Ein Apell an mich (und andere)

Nur ungern gehe ich noch einmal in diese oder ähnliche Bars zurück. Aber vielleicht muss man genau das tun. Im Zweifel ist ein Wasser dann die Bestellung, die ansteht. Aber ich denke, dass wir alle die Aufgabe haben, das Personal in solchen Momenten anzusprechen. Ich habe dies nicht getan, leider. Allerdings denke ich, dass dies das letzte Mal war, dass ich in solch einer Situation meine Meinung für mich behalten habe.

Liebe Barkeeper, liebe Geschäftsführer von Bars (und Restaurants), liebe Blogger, lasst uns den Respekt gegenüber dem Gast an die Stelle bringen, wo er hingehört, weiter nach oben. Lasst uns nicht wegen des 300ten Drinks dort noch Alkohol ausschenken, obwohl längst offensichtlich ist, dass es genug ist. Lasst uns verantwortungsvoll sein. Wenn nicht wir, die von Berufswegen oder aus anderen Beweggründen mit Alkohol zu tun haben, mit gutem Beispiel voran gehen ist es kein Wunder, wenn irgendwann die Regeln von außen gemacht werden. Und dann kann niemand sagen, dass das nicht fair sei.

Lasst uns zeigen, wie man mit Alkohol genußvoll umgehen kann. Und verantwortungsbewusst.

Jan Persiel
Jan Persiel